Nietzsche war kein Nazi, er hätte sie verachtet
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Verrückter Vogel, aber kein rechter Spinner: Friedrich Nietzsche. Fotocredit: "Virgilius Moldovan by Zic Zerp Rotterdam 3D" by wim hoppenbrouwers is licensed under CC BY-NC-ND 2.0 |
Die pseudointellektuellen Ergüsse neurechter Akteur*innen sind gleichermaßen gefährlich wie unsinnig. Das Hirngespinst vom "Großen Austausch" etwa ist ein Grundpfeiler identitärer Ideologie, wurde von Björn Höcke aufgegriffen und hat den Christchurch-Attentäter zu seiner barbarischen Tat motiviert.
Weniger mörderisch, aber intellektuell außerordentlich ärgerlich ist die ewig wiederkehrende und stets grundfalsche Rezeption Friedrich Nietzsches in einschlägigen Kreisen. Der streitbare Philosoph wird seit jeher immer dann herangezogen, wenn jemand keine Ahnung von Philosophie hat, aber einen bekannten Namen braucht, um nationalistische, rassistische, antisemitische, revisionistische, sozialdarwinistische oder sonst wie faschistoide Inhalte mit geisteswissenschaftlicher Autorität zu sublimieren.
Die Identitäre Bewegung etwa droppt seinen Namen gerne mal in der Hoffnung, dass alle beeindruckt sind und niemand genauer nachfragt, was Nietzsche mit einer Bande Nazi-Hipster am Hut hat. Zuletzt geschah dies im Göttinger Tatort vom 26. April, in dem eine fiktive Version der IB im Mittelpunkt steht. Das spricht nicht gegen die Produktion, da die Vereinnahmung des Philosophen durch junge Nazis der Realität entspricht. Ärgerlich ist es dennoch, da wieder einmal sein Name im Zusammenhang mit gruseligen politischen Inhalten genannt wurde. Zwar nur flüchtig, aber lang genug für unwissende Zuschauer*innen, um den Philosophen mit einem extrem rechten Weltbild zu assoziieren.
Nein, Nietzsche wäre heute kein Identitärer, er würde nicht die AfD wählen und sich ganz allgemein niemandem anbiedern, der die deutsche Kultur als überlegen betrachtet – Nietzsche hat Nationalismus verachtet, und deutschen Nationalismus ganz besonders. „Soweit Deutschland reicht, verdirbt es die Cultur", schreibt er in Ecce homo. Er sei noch lange nicht deutsch genug, um "dem Nationalismus und dem Rassenhass das Wort zu reden", heißt es in Die fröhliche Wissenschaft. Nietzsche war überzeugter Europäer, und das lange, bevor internationale Bündnisse für die längste friedliche Epoche sorgten, die der Kontinent je erlebt hat: "Dieser absurde Zustand Europa’s soll nicht mehr länger dauern! Giebt es irgend einen Gedanken hinter diesem Hornvieh-Nationalismus?"
Besonders leidig ist der Vorwurf, Nietzsche sei Antisemit gewesen. Ganz im Gegenteil hatte er für die Antisemiten seiner Zeit nur Verachtung übrig. In einem seiner unzähligen nachgelassenen Fragmente schreibt er, dass er "dem Antisemitismus einen schonungslosen Krieg mache, — er ist einer der krankhaftesten Auswüchse der so absurden, so unberechtigten reichsdeutschen Selbst-Anglotzung". Einer der Gründe, warum seine Freundschaft zu Richard Wagner in die Brüche ging, war dessen Niedergang zum Antisemitismus und möchtegern-germanischer Volkstümelei. Gebildete, assimilierte Juden wie sein enger Freund Paul Rée waren ihm kosmopolitische und freigeistige Vorbilder und damit ein Gegenstück zu Nationalismus und Kleinstaaterei.
Zugegeben, in seinen religions- und moralkritischen Schriften, allen voran Jenseits von Gut und Böse sowie Zur Genealogie der Moral, kritisiert Nietzsche das Judentum und dessen Wertesystem mit teils krasser Wortwahl. Sein polemischer und für philosophische Werke angenehm untypischer Stil darf jedoch nicht als Ausdruck eines Ressentiments verstanden werden, schließlich sind Ressentiments für ihn die Quelle allen kulturellen Untergangs. Nietzsche hat in seinen Werken eine historische Entwicklung kritisiert und keineswegs antisemitische Vorurteile reproduziert.
Für die heutigen Neurechten mit Uniabschluss und Seitenscheitel hätte er nur tiefste Verachtung übrig. Sie wären ihm unkultivierte Kretins, die sich nur in deswegen in imaginierte Volksgemeinschaften flüchten, weil sie als Individuen niemals etwas von Wert erschaffen können. Sie sehnen sich nach einem sicheren, unaufgeregten und gemütlichen Leben und wollen die Zeit am liebsten zurückdrehen, da die nostalgisch verklärte Vergangenheit so viel erträglicher ist als die Ungewissheit der Zukunft.
Solche Menschen sind Nietzsche nach außerstande, irgendeine nennenswerte kulturelle Leistung zu erbringen, geschweige denn das Schicksal der Menschheit zu erfüllen und die nächste evolutionäre Stufe einzuleiten. Als den "letzten Menschen" bezeichnete er den Typus, der für alle Ewigkeit dazu verdammt ist, im Mittelmaß zu existieren, und damit auch noch zufrieden ist. Ironischerweise ist die selbst ernannte Herrenrasse damit das volle und totale Gegenteil dessen, was er als "Übermensch" konzipiert hat, obwohl sich dieser Begriff seit Hitler am rechten Rand großer Beliebtheit erfreut. Wer sich dennoch auf Nietzsche bezieht, wenn es darum geht, reaktionäre Inhalte zu verbreiten, beweist damit lediglich die eigene Kleingeistigkeit.
Nietzsches verhängnisvolle Rezeption im deutschen Faschismus beruht größtenteils auf seiner Schwester Elisabeth, die ihn in seinen letzten Lebensjahren pflegte, eine glühende Nationalistin war und seinen Nachlass entsprechend manipulierte. Und natürlich darauf, dass rechte Rosinenpicker seine Bücher gern zitieren, aber nicht lesen, weil es sie intellektuell überfordert. Nietzsche selbst würde im Grabe rotieren, wenn er wüsste, wer seinen Namen bis heute beschmutzt.
Besonders leidig ist der Vorwurf, Nietzsche sei Antisemit gewesen. Ganz im Gegenteil hatte er für die Antisemiten seiner Zeit nur Verachtung übrig. In einem seiner unzähligen nachgelassenen Fragmente schreibt er, dass er "dem Antisemitismus einen schonungslosen Krieg mache, — er ist einer der krankhaftesten Auswüchse der so absurden, so unberechtigten reichsdeutschen Selbst-Anglotzung". Einer der Gründe, warum seine Freundschaft zu Richard Wagner in die Brüche ging, war dessen Niedergang zum Antisemitismus und möchtegern-germanischer Volkstümelei. Gebildete, assimilierte Juden wie sein enger Freund Paul Rée waren ihm kosmopolitische und freigeistige Vorbilder und damit ein Gegenstück zu Nationalismus und Kleinstaaterei.
Zugegeben, in seinen religions- und moralkritischen Schriften, allen voran Jenseits von Gut und Böse sowie Zur Genealogie der Moral, kritisiert Nietzsche das Judentum und dessen Wertesystem mit teils krasser Wortwahl. Sein polemischer und für philosophische Werke angenehm untypischer Stil darf jedoch nicht als Ausdruck eines Ressentiments verstanden werden, schließlich sind Ressentiments für ihn die Quelle allen kulturellen Untergangs. Nietzsche hat in seinen Werken eine historische Entwicklung kritisiert und keineswegs antisemitische Vorurteile reproduziert.
Für die heutigen Neurechten mit Uniabschluss und Seitenscheitel hätte er nur tiefste Verachtung übrig. Sie wären ihm unkultivierte Kretins, die sich nur in deswegen in imaginierte Volksgemeinschaften flüchten, weil sie als Individuen niemals etwas von Wert erschaffen können. Sie sehnen sich nach einem sicheren, unaufgeregten und gemütlichen Leben und wollen die Zeit am liebsten zurückdrehen, da die nostalgisch verklärte Vergangenheit so viel erträglicher ist als die Ungewissheit der Zukunft.
Solche Menschen sind Nietzsche nach außerstande, irgendeine nennenswerte kulturelle Leistung zu erbringen, geschweige denn das Schicksal der Menschheit zu erfüllen und die nächste evolutionäre Stufe einzuleiten. Als den "letzten Menschen" bezeichnete er den Typus, der für alle Ewigkeit dazu verdammt ist, im Mittelmaß zu existieren, und damit auch noch zufrieden ist. Ironischerweise ist die selbst ernannte Herrenrasse damit das volle und totale Gegenteil dessen, was er als "Übermensch" konzipiert hat, obwohl sich dieser Begriff seit Hitler am rechten Rand großer Beliebtheit erfreut. Wer sich dennoch auf Nietzsche bezieht, wenn es darum geht, reaktionäre Inhalte zu verbreiten, beweist damit lediglich die eigene Kleingeistigkeit.
Nietzsches verhängnisvolle Rezeption im deutschen Faschismus beruht größtenteils auf seiner Schwester Elisabeth, die ihn in seinen letzten Lebensjahren pflegte, eine glühende Nationalistin war und seinen Nachlass entsprechend manipulierte. Und natürlich darauf, dass rechte Rosinenpicker seine Bücher gern zitieren, aber nicht lesen, weil es sie intellektuell überfordert. Nietzsche selbst würde im Grabe rotieren, wenn er wüsste, wer seinen Namen bis heute beschmutzt.
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